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RUBRIK: INSIDE

Ein wichtiger Halt für Bamberg

Der Zug der Erinnerung erweist sich als echter Publikumsmagnet

"Diese Ausstellung ist vor allem deswegen wichtig, damit wir nicht die Sensibilität für Extremismus verlieren. Nur wenn wir die Erinnerung wach halten, können solch schreckliche Greueltaten nicht mehr passieren", so schloss Organsisator Nikolai Czugunow-Schmitt seine Begrüßungsrede an Gleis 1 des Bamberger Bahnhofes. Ihm folgten weitere Unterstützer wie Stadtrat Helmut Müller, der in Vertretung des Oberbürgermeisters gekommen war oder auch Heinrich Olmer von der israelitischen Kultusgemeinde, deren Mitglieder die Gedenkstunde auch musikalisch begleiteten. Und natürlich die Mädchen der Maria-Ward-Realschule, die sich ganz persönlich für die Aktion eingesetzt hatten. Der Tenor der Reden war klar: Es ist wichtig und richtig, dass der Zug der Erinnerung auch in der Domstadt Station macht. Dies bewiesen nicht zuletzt die langen Schlangen der Besucher, die von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends nicht abrissen.


Heinrich Olmer von der israelitischen Kultusgemeinde

Gegenseitiger Dank und Unterstützung

Mit Czugunow-Schmitt freute sich auch Markus Raupach, der ursprüngliche Initiator und Co-Organisator des Bamberger Zug-Haltes: "Die bewegenden Worte von Heinrich Olmer und die Musik ließen in mir eine Gänsehaut aufkommen, so als würden die Deportierten für einen kurzen Moment wieder lebendig. Das unermessliche Leid, das in diesen Tagen Menschen anderen Menschen zugefügt haben, ist für mich und wahrscheinlich meine ganze Generation nicht vorstellbar. Umso wichtiger, dass wir nun auch unseren Kindern diese Ausstellung zeigen können." Pastor Günther Kunstmann von der Bamberger Jesusgemeinde stellte klar: "Es ist auch eine Frage des Umgangs mit der Schuld, die damals gerade auch Christen auf sich geladen haben. Wir haben uns gerne für den Zug engagiert und würden es jederzeit wieder tun." Für Michael Ehlers von der Bamberger Freimaurerloge gibt es noch einen wirklich wunden Punkt an der Sache: "An diesem Punkt hier, dem Bamberger Bahnhof, wurden im November 1941 119 Bamberger Juden zum Einstieg in die Abteile der Reichsbahn gezwungen. Abteile des Vorgängerunternehmens der Deutschen Bahn, die sich heute erlauben für diesen Zug eine hohe Standmiete zu kassieren." Ein Kopfschütteln über das Verhalten des Vorstandes der DB Bahn, das auch die Veranstalter des Zuges teilen. Ihnen ist es aber ein wichtiges Anliegen, den Bahnmitarbeitern vor Ort zu danken, die dem Zug meistens große Unterstützung in der Logistik zukommen ließen, auch wenn die Unternehmensführung der Aktion eher die kalte Schulter zeige.


Ansprechend und angemessen: Die musikalische Begleitung der Gedenkstunde

Bewegende Bilder

Schon um 7 Uhr am Sonntag Morgen waren die ersten Ausstellungsbesucher gekommen, ein Zustrom, der bis zum Abend anhielt. Deswegen war es im Zug fast immer relativ dicht gedrängt und wegen der sommerlichen Temperaturen auch sehr warm. Kein Nachteil, wie die 32jährige Besucherin Astrid Nagel aus Strullendorf fand: "Ich denke, das Gedränge ist gar nicht so schlecht. Da kann man direkt nachempfinden, wie es den zusammengepferchten Menschen in den Eisenbahnwaggons vor 70 Jahren gegangen ist." Doch nicht nur dieser Umstand brachte die Kassierin eines Supermarktes zum Nachdenken: "Die Ausstellung geht sehr nahe. Überall Bilder und Fotos von ganz normalen Menschen, daneben dann die Sterbeurkunden und Unterlagen zur Deportation. So intensiv wie hier habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht." Holger Meister aus Rödental war extra für den Zug der Erinnerung nach Bamberg gekommen: "Ich musste zwar eine Viertelstunde anstehen, das Herfahren und Warten hat sich aber wirklich gelohnt. Mir hat zwar meine Großmutter immer von ihren Erlebnissen in der Nazi-Zeit erzählt, doch die Deportationen haben dabei nie eine Rolle gespielt. Das haben die Menschen wohl einfach verdrängt." So wie dem 43jährigen Media-Markt-Verkäufer ging es auch vielen anderen Besuchern des Zuges der Erinnerung, der damit seinem Namen absolut gerecht wurde. Bamberg hat sich erinnert: An die dunkelsten Tage seiner Vergangenheit. Und es wird sich weiter erinnern, wenn das Vorbild der Zivilcourage vieler Bürger, die den Halt des Zuges mit ihren Spenden überhaupt erst möglich gemacht haben, auch in der Zukunft bei ähnlichen Anlässen wieder Nachahmer findet.


Eine Schülerin der Maria-Ward-Realschule....


...die Mädchen hatten auch eigens entworfene Plakate dabei


Wohl einmalige Anzeige auf dem Bamberger Bahnhof

Offener Brief des Bamberger Professors Christoph Bode an die DB Bahn AG

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe soeben in Bamberg die beklemmende und äußerst bewegende Ausstellung "Zug der Erinnerung" besucht, an deren Ende zu erfahren war, dass Sie von den Organisatoren Monat für Monat Zehntausende von Euro verlangen. Dass Sie sich nicht schämen! Also nicht genug damit, dass Sie nicht selbst die Vergangenheit Ihres Unternehmens aufarbeiten – wenn andere das für Sie tun, unterstützen Sie sie nicht etwa, sondern besitzen sogar noch die Unverfrorenheit, von ihnen Stellgebühren und dgl. zu verlangen! Sie sollten dankbar sein!

Tun Sie mir bitte einen Gefallen und erklären Sie mir jetzt nicht, nach welcher Ihrer (von Ihnen selbst erlassenen) Gebührenordnungen das leider, leider so sein muss. Sie würden mir damit nur beweisen, dass Sie nichts, aber auch gar nichts verstanden haben. Die Deutsche Bahn AG wird offensichtlich von Personen geführt, denen jedes historische Verantwortungsbewußtsein, aber auch jedes Schamgefühl in dieser Richtung fehlt.

Es gibt m.E. nur einen Weg aus dieser peinlichen und überaus blamablen Situation, in die Sie sich selbst aus Fühllosigkeit und Gedankenlosigkeit gebracht haben und in der Sie jetzt – trotz der öffentlichen Empörung und Proteste – in Verstocktheit verharren: Erlassen Sie dem Verein "Zug der Erinnerung" in Zukunft diese Gebühren, erstatten Sie die bereits überwiesenen Beträge zurück und unterstützen Sie stattdessen diese Initiative, statt sie, wie bisher, auf beschämende Weise zu behindern!

Voll Ekel und Abscheu über Ihre bisherige Haltung in dieser Frage,

Prof. Dr. Christoph Bode


Bilder der Opfer sowohl außerhalb...


...als auch innerhalb des Zuges

Aus dem offenen Brief von Horst Selbiger an die DB Bahn AG

Mit dem Vorgängerunternehmen der Deutschen Bahn AG, der Deutschen Reichsbahn, wurden 61 Namensträger der Familie Selbiger in den Tod gefahren, unter ihnen fünf Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren, nämlich Günther Selbiger, geboren 07.11.1930, deportiert am 13.06.1942 nach Sobibor, Nathan Selbiger, geboren 02.02.1939, deportiert am 26.02.1942 nach Auschwitz und die drei Geschwister, Jutta, geboren 22.05.1936, Denny, geboren 02.11.1938 und Gerson Selbiger, geboren 07.06.1942, alle in den Tod gefahren am 09.12.1942 in das Vernichtungslager Auschwitz.

Ich protestiere öffentlich gegen das Verhalten der Deutschen Bahn AG, die zunächst zu den damaligen „Transportkosten“ meiner Verwandten nun auch noch Standgeld und Folgekosten erstattet haben wollte. Es ist erschütternd und ernüchternd zugleich, mit welcher Schamlosigkeit Ihre Bahn AG dieses nationale Gedenken an tausender ermordeter Kinder jüdischen Glaubens mit technokratischen Begründungen hintertreibt.

Meine Forderung ist: Geben Sie den Weg frei für den Zug der Erinnerung und setzen Sie das Signal auf „Grün“!

Unter Mißbilligung Ihrer Hinhalte- und Ausweichtaktiken fordere ich Sie auf, politisches Fingerspitzengefühl zu zeigen.

Horst Selbiger


Im folgende weitere Bilder der Ausstellung:

Claudia Carl, 17.05.2009

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