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RUBRIK: KULTUR

Der Zug kommt

Es ist geschafft: Der Zug der Erinnerung hält am Sonntag, 17. Mai 2009, in Bamberg

Die Organisatoren Markus Raupach und Nikolai Czugunow-Schmitt sind stolz auf das Ergebnis Ihres Engagements: Die Bamberger haben in kurzer Zeit die nötigen 5.000 Euro zusammengetragen, damit die geschichtsträchtige Ausstellung auch in der Domstadt Station machen kann. Am kommenden Sonntag können und sollten die Bürger die Möglichkeit wahrnehmen, das zweite Großereignis mit Bezug auf die NS-Zeit nach der Stauffenberg-Kino-Premiere in diesem Jahr zu erleben. Beischtigt werden kann schon ab 9 Uhr vormittags, um 14.30 ist eine offizielle Veranstaltung mit Vertretern der Kirchen und Sponsoren geplant.

Viele haben zusammengeholfen

Neben den beiden Hauptorganisatoren Raupach und Czugunow-Schmitt waren auch viele weitere engagierte Bürger in der letzten Woche unterwegs, um Unterstützung zu sammeln, beispielsweise die Mädchen der Maria-Ward-Realschule, die durch einen persönlichen Kaffee- und Kuchenverkauf alleine fast 500 Euro zum Gelingen der Aktion beitrugen. Dazu Dr. Czugunow-Schmitt: "Wir sind überwältigt vom Zuspruch aus unserer Stadt. Kleinen Spendern stehen auch größere wie die Sparkasse mit 1.000 oder die Freimaurer, der Bürgerverein Bamberg-Mitte oder die Jesusgemeinde mit je 500 Euro gegenüber. Es haben sich wirklich alle Gesellschaftsteile engagiert. Darüber freue ich mich sehr und natürlich auf den Sonntag, wenn wir dann den Zug der Erinnerung in Bamberg begrüßen können."

In kürzester Zeit realisiert

Die Idee, einen Halt in Bamberg zu organisieren, kam Markus Raupach, als er beruflich als Fotograf in Ulm unterwegs war und einen Flyer für den dortigen Halt des Zuges der Erinnerung in die Hände bekam: "Da war mir klar, dass es eine sehr wichtige Sache wäre, wenn auch der Bamberger Bahnhof zu den Stationen der Ausstellung gehören würde." Mitte April kontaktierte er erst die Planer des Zuges der Erinnerung und dann Nikolai Czugunow-Schmitt von der Willy-Aron-Gesellschaft, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit auch zum Beispiel bei den Stolpersteinen in Bamberg verbindet. Auch diesmal sollte es wieder funktionieren: Der Zug kommt.

Trailer zum Zug der Erinnerung

Das Projekt Zug der Erinnerung

Der "Zug der Erinnerung" fuhr probeweise erstmals am 27. Januar 2007 in Würzburg. Die historische Lok und wenige Wagen mit Fotos der Kinder und Dokumenten über das regionale Deportationsgeschehen riefen bundesweit erhebliches Medieninteresse hervor. Die ungewöhnliche Darstellungsform und der einfache Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der im Bahnhof, dem früheren wie heutigen Handlungsort, hergestellt werden konnte, machte die Präsentation gerade für Jugendliche gut nachvollziehbar.

Nach mehrmonatigen Planungen begann der "Zug der Erinnerung" am 8. November 2007 seine bundesweite Fahrt in Frankfurt a.M. Das Datum war wegen des Gedenkens an die Opfer der Novemberpogrome gewählt worden ("Reichskristallnacht"). Bis zum 8. Mai 2008 legte der Zug mit seinen Ausstellungswagen fast 10.000 Kilometer zurück. Mehr als 240.000 Besucher kamen auf 70 Bahnhöfe in der Bundesrepublik und in der Republik Polen.

Die letzte Etappe der Fahrt führte von Görlitz zur Gedenkstätte Auschwitz. Besonders engagierte deutsche Jugendliche begleiteten den Zug auf dieser Reise und suchten im Staatlichen Museum Auschwitz (Oswiecim) nach Spuren der Deportierten. Auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau bekannten sich die Teilnehmer am 8. Mai 2008, dem 63. Jahrestag der Kapitulation des NS-Reiches, zu einer Selbstverpflichtung:

"...Das Interesse der Nazis war es, alle Menschen umzubringen, die sie für nicht lebenswert befanden. Dies ist ihnen nicht gelungen! Wir haben das Glück noch mit den letzten Zeitzeugen sprechen zu können und von ihnen zu lernen.
Diese Verantwortung übernehmen wir!
Diese Verpflichtung machen wir uns zu eigen!
Dies versprechen wir vor den Waggons der 'Deutschen Reichsbahn', mit denen die Kinder und Jugendlichen in den Tod deportiert wurden."

Mit dieser Botschaft kehrte der "Zug der Erinnerung" nach Deutschland zurück. Ermutigt durch viele Tausend Spender und Dank der überparteilichen Unterstützung gesellschaftlicher Organisationen (insbesondere durch lokale Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Kirchen) setzt der Zug seine Fahrt im Winter 2008/2009 fort. Die mobile Ausstellung ist in einer erweiterten Fassung zu sehen. Auf den Haltebahnhöfen ruft der "Zug der Erinnerung" zu einem Bund der Generationen auf.

Die Ausstellung

Der "Zug der Erinnerung" besteht aus mehreren Waggons, in denen die Geschichte der Deportation der europäischen Juden in beispielhaften Biografien nacherzählt wird. Ob aus Skandinavien oder aus Südgriechenland: Über Tausende Kilometer verschleppten die SS, das Reichsverkehrsministerium und die "Deutsche Reichsbahn" allein über 1 Million Kinder und Jugendliche. Die Fotos der Opfer und ihre letzten Briefe, die sie aus den "Reichsbahn"-Waggons warfen, stehen für das Los der Millionen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet wurden.

Statt entsetzlicher Bilder zeigt die Ausstellung Andenken, die aus unseren Familienalben stammen könnten. Zu sehen ist das Lächeln der Kindheit und der Optimismus der Jugend. Zugleich verweisen die Dokumente auf ein Tabu, das für alle Zivilisationen verpflichtend ist: Das Leben der Kinder zur Erhaltung der Gattung zu schonen. Mit dem Kindermord hat Nazideutschland dieses Gesetz gebrochen und zeitweise außer Kraft gesetzt. Aus Auschwitz und den anderen Lagern kehrten nur wenige Kinder zurück. Ihre beispielhaften Biographien, die Bilder ihrer frohen und erwartungsvollen Gesichter laden nicht nur zum Gedenken ein, sondern vermittelten einen implizite Aufforderung: Gegen die Triebfedern der Verfolgung (Rassismus, Antisemitismus und nationalistische Ideologien) deutlich Stellung zu beziehen.

In einem erweiterten Ausstellungsbereich werden mehrere Täter der unterschiedlichen Funktionebenen vorgestellt, die für den Transport der todgeweihten Kinder und Jugendlichen in die Vernichtungslager sorgten. Mehrere dieser Spezialisten setzten ihre Bahnkarrieren in der Nachkriegszeit fort.

Am Ende des zweiten Waggons hängen die noch leeren, durch die Recherche von Schulen und anderen Organisationen zu füllenden Tafeln mit den Fotos und Biographien einzelner Kinder aus den Gemeinden und Städten entlang der Fahrstrecke.

Der "Zug der Erinnerung" hält auch eine Rechercheneinheit bereit: Computer und eine Handbibliothek laden zur Spurensuche ein.

Wieviele der deportierten Kinder und Jugendlichen überlebten, ist bis heute unerforscht. Umfassende Deportationslisten existieren nicht. Schätzungen gehen davon aus, dassetwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche deportiert wurden. Zusätzlich zu den Kindern aus Deutschland waren es Kinder aus ganz Europa, die in die Todeszüge getrieben wurden – aus Frankreich, Holland, Belgien, Italien, Polen, Norwegen, Jugoslawien, Griechenland, Österreich, Ungarn, aus den baltischen Ländern, aus der Sowjetunion, der Tschechoslowakei. Nur wenigen gelang es, letzte Briefe aus den "Reichsbahn"-Waggons auf die Gleise zu werfen, bevor die Züge die Lager erreichten. In den überfüllten Wagen hofften die Kinder auf Hilfe. Aber auf den Abstellgleisen und Bahnhöfen unserer Städte schritt niemand ein. Fast keiner der Täter wurde je zur Rechenschaft gezogen. In den Ministerien und Polizeidienststellen, in den Bahndirektionen und Stellwerken arbeiteten sie nach 1945 ungestraft weiter.

In der Nachkriegsöffentlichkeit wurde dem Schicksal der Kinder keine hervorgehobene Bedeutung beigemessen. Ihr Tod ging in der Trauer um zahllose weitere Opfergruppen unter. Diese Wahrnehmung läßt außer acht, daß der Massenmord an den Kindern und Jugendlichen rassistische Denkmuster in besonderer Weise enthüllt: Sie zielen nicht nur auf den Tod angeblicher Feinde, deren niedrige Eigenschaften ausgemerzt werden sollen. In Gestalt der Kinder wird das menschliche Leben an seinem Ursprung verfolgt. Rassismus und Antisemitismus meinen unsere Zivilisation.

Vor den Fotos der lachenden Kinder, die nicht zurückkehrten, kommt es im "Zug der Erinnerung" immer wieder zu starken Gefühlsäußerungen. Diese Empathie ist Ausdruck der zivilisatorischen Kraft, die Erinnerung vermitteln kann. Die Opfer befreit sie aus dem Sumpf des Vergessens und gibt ihnen einen Teil ihrer Identität zurück.

Die Strecke

Fast sämtliche deutschen Bahngleise waren in das Deportationsgeschehen einbezogen. Auch die Bahnen in den okkupierten Staaten wurden den Besatzern unterstellt. Die europaweite Logistik der Verschleppung und Vernichtung hätte ohne die Dienste der "Reichsbahn" und der ihr angeschlossenen Unternehmen nicht funktionieren können. Über Tausende Kilometer wurden Deportationszüge in die Lager geschleust. Auch unter Kriegsbedingungen setzten die NS-Behörden die Transporte fort – aus Frankreich im Westen bis zur Sowjetunion im Osten. Selbst über die Ostsee (Norwegen) und das Mittelmeer (Rhodos) wurden Kinder und Jugendliche in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt.

Die Durchgangsstrecken dieser Transporte kreuzten große deutsche und österreichische Städte: Berlin, Wien, Hamburg, Köln, Frankfurt a.M. oder Dresden.

Auf den Bahnhöfen schienen sich die Wartenden an den Anblick der Todeszüge gewöhnt zu haben. Wie Fotodokumente aus mehreren Städten beweisen, fanden die Deportationen oft am helllichten Tag und auf den Nachbargleisen des alltäglichen Zugverkehrs statt. Aus dem Ruhrgebiet ist bekannt, dass einzelne Waggons an übliche Reisezüge gekoppelt wurden, um die deportierten Menschen zu Knotenpunkten des Bahnverkehrs zu bringen und dort mit anderen Verschleppten zusammenzuführen.

Auf dem Weg in die Vernichtung wurden die letzten Botschaften der Opfer gefunden, die sie aus den Zügen warfen: verzweifelte Hilferufe, Brieffetzen und Postkarten. Kaum ein Bahngleis, das an die Schicksale der Verschleppten erinnert; wenige Bahnhöfe, in denen ein Ort des Gedenkens besteht.

Der "Zug der Erinnerung" wird auf seinem Weg über einen Teil der Deportationsstrecken fahren. An sämtlichen Bahnhöfen zu halten, über die Millionen Deportierte geschleust wurden, würde Jahre dauern.


Opfer aus Bamberg: Familie Böhm

Ziel der Aktion

Der "Zug der Erinnerung" wird auf seiner Fahrt unterschiedliche Ziele ansteuern, die mit wichtigen Orten und Daten der Deportationsgeschichte in Verbindung stehen. Engagierte Teilnehmer der Spurensuche, die sich die Biographie eines deportierten Opfers und Bausteine der eigenen Familiengeschichte angeeignet haben, werden zu einer gemeinsamen Gedenkstättenfahrt eingeladen. Zielort ist in der Regel das größte deutsche Vernichtungslager (Auschwitz-Birkenau), in dessen Überresten die monströsen Verbrechen Gestalt annehmen. Besondere Bedeutung hat der kommende 70. Jahrestag des Kriegsbeginns (1. September 1939).


Opfer aus Bamberg: Geschwister Schapiro

Weitere Unterstützung

Wenn Sie den Zug der Erinnerung auch weiterhin unterstützen möchten, können Sie direkt auf das Spendenkonto des Vereins Ihren Beitrag überweisen: Kreissparkasse Köln BLZ: 370 502 99, Konto Nr. 0352 550 392. Vielen Dank für jede Unterstützung!


Opfer aus Bamberg: Martin Hahn


Opfer aus Bamberg: Ernst Julius Katz


Opfer aus Bamberg: Ilse Lipp


Opfer aus Bamberg: Hilde Samson


Opfer aus Bamberg: Elisabeth Walter


Opfer aus Bamberg: Helga Walter

Claudia Carl, 12.05.2009

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